Philosophen für die Welt

Die Stadt war ihm mehr geworden als ein guter Ort für eine Eremitage. In ihrer weltoffenen, von Tätigkeit und Wohlstand erfüllten Atmosphäre gedieh nun auch die Arbeit an seinem eigenen "Philosophen für die Welt" zum guten Ende; - so nannte er scherzhaft sein Spätwerk, nach dem Aufklärungsphilosophen J. J. Engel. Die beiden Bände der "Parerga und Paralipomena" enthalten nicht nur ergänzende Betrachtungen zu seinem Hauptwerk, Anwendungen seiner Lehre auf alte und neue Daseinsgebiete. Sie beenden eine Entwicklung, die in der norwegischen Preisschrift mit einer ausführlicheren Behandlung der sogen. praktischen Philosophie eingesetzt hat. Die "Aphorismen zur Lebensweisheit", die den Abschluß des ersten Bandes bilden, gelten dieser praktischen Philosophie; sie sollen unser Sein und Sinnen nicht über Tag und Stunde hinausheben, sondern den Tag selbst leiten, mit seinen Schwierigkeiten, seinen Nöten und vielfältigen Erfordernissen. Der Denker spricht von den unmittelbaren Anliegen eines Jeden, er weist den Weg zur Meisterung der täglichen Aufgaben und den Weg zur inneren Ruhe. Die horazische Gelassenheit und Heiterkeit, die über diesem letzten Werke liegt, ist nicht, wie man geglaubt hat, auf einer neuen Entwicklungsstufe in Schopenhauers Denken erreicht worden; sie bedeutet kein Hinübergehen von der metaphysisch-ethischen Grundhaltung seiner Lehre in ein neues Lebensgefühl, das man im Biedermeier und vielleicht sogar im Diesseits-Evangelium des Jungen Deutschland wiederfinden könnte. Die Aphorismen haben, nach Schopenhauers Worten, einen bedingten Wert, den Wert einer Anpassung an den gewöhnlichen empirischen Standpunkt, die doch ihren Nutzen haben kann. Wir wissen, daß er selbst von Jugend an diesem empirischen Standpunkt Rechnung getragen, daß er sich immer wieder die Lebens- und Führungsregeln vergegenwärtigt hat, nach denen er seinen Tag bewältigte. Er war kein weltfremder Gelehrter, er hat sich in der Welt behauptet. Warum aber, so fragt man, kommen die längst aus den Zufällen des Lebens und aus Begegnungen mit Menschen gewonnenen Beobachtungen und Einsichten nun erst in den Aphorismen zu einer letzten Reife? Ist es nicht so, daß diese Reife kaum an einem anderen Ort so zwanglos errungen werden konnte wie in der Umwelt seiner Wahlheimat? Der kaufmännische Geist, der ihm von seinem Elternhause her vertraut war, das nüchtern-praktische Denken und Handeln, die Kunst der Menschenbehandlung, hier, in der Luft der alten Messeund Handelsstadt, war es zu finden als eine altehrwürdige bewährte Lebensform, die manchen Zügen seines eigenen Wesens freundlich entgegenkam.
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